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Verleihung
der Albert Einstein Medaille an Johannes Geiss und
Hubert Reeves
am 6. Juni 2001 (Aula der Universität Bern)
Vorstellung
der Laureaten
Zwei Astrophysiker von internationalem. Ruf, die sich unter
anderem mit dem Sonnenwind auseinandergesetzt haben, sollen an der diesjährigen
Einsteinfeier gemeinsam mit der Einstein-Medaille ausgezeichnet werden:
Hubert Reeves, Forschungsleiter am Centre National de la Recherche Scientifique
in Paris und Johannes Geiss, Executive Director des International Space
Science Institute in Bern.
Johannes Geiss hat
in Göttingen Physik studiert und dort 1953 promoviert. In den folgenden
Jahren arbeitete er an den Universitäten von Bern und Chicago auf
den Gebieten der Geochronologie und der Meteoritenforschung. 1958-1959
war er als Associate Professor an der Universität Miami in der Erforschung
der Klimageschichte der Erde tätig. Von 1960-1991 war Johannes Geiss
Professor an der Universität Bern und von 1966-1989 Direktor des
Physikalischen Instituts. Während vier Jahrzehnten hat Johannes Geiss
die Weltraumforschung an verantwortlicher Stelle mitgestaltet. Als Leiter
eines schweizerischen Teams war er im Apollo-Programm der NASA engagiert,
und seither ist er an vielen Weltraumprojekten der NASA und der europäischen
Weltraumbehörde ESA beteiligt. Hierdurch hat er wichtige Forschungsbeiträge
zur Entstehung und Entwicklung des Sonnensystems, zur Herkunft der chemischen
Elemente und zur Kosmologie geleistet.
Hubert Reeves, 1932
in Montreal geboren, ist eine schillernde Persönlichkeit, die - wie
Einstein seinerzeit auch- in verschiedensten Bereichen der Gesellschaft
aktiv beteiligt ist: als Astrophysiker, Autor zahlreicher wissenschaftlicher
Bücher, als Mitwirkender bei öffentlichen Diskussionen und Fernsehsendungen,
als Mitdenker für die Welt von morgen und engagierter Weltbürger,
dem es mit der sorgfältigen Nutzung der natürlichen Resourcen
ernst ist. Hubert Reeves beschäftigt sich innerhalb der nuklearen
Astrophysik mit der Herkunft der leichten Elemente wie Helium, Deuterium
und Lithium. Neben der Physik ist der Laureat aber offen für jegliche
Art geistigen Wissens, sei es Psychologie, Philosophie, Soziologie, Kunst,
Mathematik oder Politik.
Am 6. Juni
2001 wurden zwei ehemalige Weggefährten aus der Weltraumforschung
der sechziger und siebziger Jahre mit der Einstein-Medaille geehrt: Professor
Johannes Geiss aus Bern und Professor Hubert Reeves aus Paris. Ihre Verdienste
knüpfen denn auch an die Pionierzeit der Astronautik an; diese wurde
von beiden Laureaten auf naturwissenschaftlicher Ebene verfolgt und mitgeprägt.
Johannes Geiss referierte über die Implikationen, die zum Beispiel
das von ihm geleitete Sonnenwindexperiment auf das Verständnis der
Frühgeschichte des Kosmos hat, während Hubert Reeves in seiner
Rede über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Kosmologien Newtons
und Einsteins sprach. Beide Referenten legten Wert darauf, den komplexen
Inhalt ihrer Rede anschaulich und einprägsam im Kontext der gegenwärtigen
Kosmologie zu vermitteln. Der Anlass fand in der Aula der Universität
Bern statt.

v.l.n.r.:J. Geiss, H. Reeves, H. Krähenbühl
(Foto: Christine Cappi)
Vortrag von Prof. Dr. Johannes Geiss
Die Materie im Universum
"...dass
ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält..."
Professor
Johannes Geiss spannt den Bogen zunächst von Eratosthenes, der die
Kugelgestalt der Erde nachweist, über die Gravitationstheorie von
Newton, mit der sich die Dynamik des Sonnensystems verstehen lässt,
zu Albert Einstein und seiner Allgemeinen Relativitätstheorie. Eratosthenes
beobachtete schon 200 Jahre vChr., dass sich der Zenithwinkel der Sonne
zur Zeit der Sommersonnenwende in Alexandrien und Assuan um 7 Grad unterscheidet.
Damit wies er die allgemeine Krümmung der Erdoberfläche nach
und bestimmte den Umfang der Erdkugel mit erstaunlicher Genauigkeit. Seine
Erkenntnis setzte sich mehr und mehr durch, mit der schwer vorstellbaren
Konsequenz, dass Berge, Tiere und Menschen auf der jeweils gegenüberliegenden
Halbkugel "auf dem Kopf stehen" müssen. Damit erhielt die
Frage, was "die Welt im Innersten zusammenhält" kosmologische
Bedeutung. Während Newton und Galilei die Bewegung von Himmelskörpern
in Raum und Zeit beschrieben haben, besteht eine wesentliche Leistung
Einsteins darin, dass er in der Allgemeinen Relativitätstheorie Raum
und Zeit selber zum Gegenstand physikalischer Forschung macht.
Geiss
zeigt sodann, dass auf allen Grössenskalen des Universums der Zusammenhalt
durch die Gravitationskraft zwischen allen Formen der Materie gegeben
ist. Erst die Gravitation führt zu Struktur und Stabilität im
Kosmos. Ein quantitativer Vergleich zwischen der beobachteten Gravitationswirkung
und der sichtbaren Materie macht indes klar, dass der überwiegende
Teil der Materie unsichtbar sein muss. Zum Beispiel lässt sich die
Stabilität, ja sogar die Entstehung einer Galaxie nur dann quantitativ
erklären, wenn zusätzlich zur leuchtenden Materie auch dunkle
Materie in den Galaxien, in den Galaxiehaufen und im Gesamtuniversum vorhanden
ist.
Geiss
schildert im Folgenden die Elementsynthese während der oft zitierten
"ersten drei Minuten" des Universums. Unter Verwendung der durch
Laboratoriumsexperimente begründeten Gesetze der Physik lässt
sich ausrechnen, dass kurz nach dem Urknall nur die Isotope von Wasserstoff,
Helium und Lithium gebildet wurden. "Schwerere Elemente wie Kohlenstoff,
Sauerstoff oder Eisen entstehen während der Frühzeit des Universums
nicht, sie werden später durch Kernreaktionen in Sternen erzeugt",
ergänzt der Redner und fährt fort: "Theoretisch sollte
Helium 24.7% der im Urknall gebildeten gewöhnlichen oder baryonischen
Materie ausmachen. Dies stimmt mit einer Genauigkeit von 1 bis 2 Prozent
mit der Beobachtung überein, was in phantastischer Weise bestätigt,
dass die heute bestehenden Naturgesetze ihre Gültigkeit schon in
den ersten Sekunden nach dem Urknall hatten."
Aus
der kosmischen Häufigkeit der seltenen Isotope von Wasserstoff und
Helium (d.h. Deuterium und Helium-3) lässt sich eindeutig die Dichte
der baryonischen Materie im Universum bestimmen. Die Schwierigkeit ist
nur, die kosmischen Häufigkeiten dieser beiden Isotope zu bestimmen.
Zum ersten Mal gelang den beiden Geehrten eine eindeutige Herleitung vor
etwa dreissig Jahren. Nicht ohne Stolz erklärt Geiss, dass die notwendigen
Daten hierfür das schweizerische Sonnenwindexperiment lieferte, das
erste von Astronauten auf dem Mond aufgestellte wissenschaftliche Experiment
anlässlich der ersten Mondlandung im Juli 1969. Bei diesem Experiment
wurden die daherkommenden Sonnenwindteilchen mittels einer Folie, dem
sogenannten Sonnensegel, aufgefangen und nach der Rückkehr im Labor
analysiert. Die von Neil Armstrong und Edwin Aldrin auf dem Mond aufgestellte
Folie hat während ihrer 70minütigen Exposition 10 Mikrogramm
Sonnenmaterie akkumuliert. Im Labor des Physikalischen Instituts der Universität
Bern wurde damit erstmalig Materie untersucht, die direkt von der Sonne
kam. Es ist bemerkenswert, dass dies an derjenigen Universität geschah,
an der Einstein seine ersten Physikvorlesungen hielt.
Professor
Geiss weist auf eine kuriose Parallele hin: Während Newton auf metaphysischer
Ebene durch sein universelles Gravitationsgesetz "den Himmel auf
die Erde geholt hat", ist mit dem schweizerischen Sonnensegel erstmals
physisch Sonnenmaterie ins irdische Labor gebracht worden. Der Laureat
betont, dass Deuterium die einzige Atomsorte ist, die ausschliesslich
im Urknall entsteht, d.h. in Sternen nicht gebildet, sondern nur zerstört
wird. "Deshalb sind wir sicher, dass jeder Mensch als Relikt aus
der allerersten Epoche der Natur nachweislich einige Gramm Deuterium in
sich trägt, Deuterium also, welches hundert Sekunden nach dem Urknall
entstanden ist!"
Aus
der kosmischen Häufigkeit des Deuteriums berechnet sich eine baryonische
Dichte von 0.2 Atomen pro Kubikmeter, ein Wert, den Geiss und Reeves bereits
vor dreissig Jahren herausfanden. Bald zeigte sich aber, dass die so bestimmte
baryonische Dichte überhaupt nicht ausreicht, um die Gravitationswirkungen
im Universum zu erklären. Mit dieser Dichte könnten sich nämlich
Galaxien nicht bilden, Galaxiehaufen würden nicht zusammenbleiben,
und die Expansion des Gesamtuniversums würde wesentlich weniger abgebremst,
als dies nach neuesten Beobachtungen der Fall ist. Es muss also im Universum
eine exotische Form der Materie existieren, die in ihrer Gravitationswirkung
die baryonische Materie noch übertrifft. Geiss veranschaulicht mit
einem Bild im Gammastrahlungsbereich, dass es im Halo unserer Galaxie
diese spezielle, exotische Form der Materie geben muss, die zwar den Halo
zusammenhält, aber keinerlei Wechselwirkung mit der kosmischen Strahlung
zeigt. Die "Atome" der exotischen Materie müssten etwa
so schwer wie Silberkerne sein. Mögliche Kandidaten sind die sogenannten
"Weakly Interacting Massive Particles" (WIMPs), deren experimenteller
Nachweis noch aussteht. Die Suche nach den WIMPs ist in vollstem Gange,
wobei versucht wird, sie in der Natur direkt nachzuweisen oder aber mit
Beschleunigern zu erzeugen, etwa am CERN in Genf. An beiden Forschungsbemühungen
ist das Laboratorium für Hochenergiephysik der Universität Bern
in hervorragender Weise beteiligt.
Zum
Schluss fasst Professor Geiss die Situation in der kosmologischen Forschung
zusammen: Spekulationen anzustellen und Theorien über das All zu
formulieren ist wichtig, die Beobachtung, der experimentelle Nachweis
aber unverzichtbar, denn nur das führt zu gesicherten Aussagen und
naturwissenschaftlicher Erkenntnis über das, "was die Welt im
Innersten zusammenhält."
Vortrag
von Prof. Dr. Hubert Reeves
Wir leben in einem seltsamen, seltsamen Universum...
Professor
Hubert Reeves erklärt zunächst, wie mit der Einsteinschen Relativitätstheorie
die Krümmung des Raums auf die in ihr enthaltene Masse zurückgeführt
werden kann. Er zeigt dies anhand einer anschaulichen Analogie zur Newtonschen
Gravitationstheorie, bei der etwa die Erdbahn durch die Anwesenheit der
Sonnenmasse zu einer Ellipse gekrümmt wird. Reeves fährt fort:
"Das Universum setzt sich aus einer unglaublich grossen Anzahl von
Galaxien zusammen. Einstein konnte zu seiner Zeit nicht ahnen, dass man
damit nur etwa ein Prozent der im All vorhandenen Materie sehen kann.
Der "Rest" an Materie ist zwar unsichtbar, aber gravitativ trotzdem
wirksam". Wieso wir wissen, dass es im Universum mehr Masse - genauer
Masse und Energie - haben muss, als wir sehen? Materie und Energie krümmen
nach Einstein den Raum.
Anhand
eines Kuchenstück-Diagramms listet der Redner die verschiedenen Arten
von Materie auf: "Gewöhnliche Materie besteht aus Protonen,
Elektronen und Neutronen, davon ist jedoch weniger als 1% sichtbar! Vier
Prozent der Universummasse nennt man gewöhnliche dunkle Materie,
die von kleinen unsichtbaren Objekten herrühren können. Weiter
besteht der Kosmos vermutlich zu 25% aus neutralen Teilchen und zu 70%
aus abstossender Vakuumenergie. Bei den Teilchen könnte es sich zum
Beispiel um Neutrinos oder um WIMPS handeln."
In
Bezug auf die anziehende Materie weist Reeves darauf hin, dass man schon
1930 durch experimentelle Bestimmung der Rotationsgeschwindigkeiten von
Sternen, die um ein galaktisches Zentrum kreisen, festgestellt hat, dass
im Zentrum eine zehnmal grössere Masse zu veranschlagen ist, als
man tatsächlich durch Auszählung abschätzen kann.
Noch
seltsamer mutet der folgende, seit 1998 bekannte Effekt an, bei dem es
um die abstossende Wirkung des Vakuums geht. Nach der bekannten Theorie
des Big Bang erwartet man, dass die näheren Galaxien langsamer, die
weiter entfernteren schneller von uns wegbewegen. Da sich die Galaxien
gegenseitig anziehen, müsste sich ihre Expansionsbewegung allmählich
verlangsamen. Dies ist nicht der Fall: die weiter entfernten Galaxien
bewegen sich interessanterweise beschleunigt von uns weg! Dies lässt
sich so interpretieren, dass im Universum eine abstossende Kraft wirksam
sein muss. Sie ist bereits in den Gleichungen im Rahmen der Allgemeinen
Relativitätstheorie als sogenannte kosmologischen Konstante enthalten,
die Einstein seinerzeit eingeführt hat, um ein stationäres Universum
zu modellieren. Diese repulsive Wechselwirkung ist ein Hinweis auf die
Existenz eines sogenannten skalaren Vakuumfeldes. Man nimmt daher an,
dass das Universum in Zukunft nicht nur grösser sein wird, sondern
immer schneller grösser wird.
Schliesslich
ergibt die Ausmessung der kosmischen Hintergrundstrahlung mit guter Winkelauflösung,
dass das Universum trotz des geschilderten Aufbaus derart fein abgestimmt
sein soll, dass es im grossen Massstab flach ist, oder anders gesagt,
die Krümmung der Raum-Zeit null ist. "Natürlich ist das
All lokal gekrümmt, wie Meereswellen", ergänzt Hubert Reeves,
aber "ist das Meer nun flach oder rund? Hat das Universum eine Raum-Zeit-Krümmung
oder nicht?"
"Wir
leben in einem seltsamen, seltsamen Universum, und das macht die Astrophysik
so aufregend." Dem Laureaten ist es gelungen, die gegenwärtig
drängenden Fragen in der Kosmologie auf sehr anschauliche Weise dazustellen.
Hansjörg
Friedli
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